fühlen ● verstehen

Ellen mit Sandro

Mit Reiten habe ich erst im Alter von 18 Jahren angefangen, nachdem ich einen schweren Unfall beim Sport hatte und zweimal am Knie operiert werden musste. Ich fand Pferde schon immer faszinierend. In den damaligen Sommerferien bot ein Reitverein 10 Reitstunden für erwachsene Anfänger, was mein Anfang mit den Pferden war. Richtig reiten habe ich dort nicht gelernt, auch nicht danach im Reitverein, dem ich beitrat, aber ich habe viel Zeit bei meinem Lieblingsschulpferd verbracht. Nach einer Reitbeteiligung habe ich aus beruflichen Gründen fast komplett aufgehört mit Reiten und bin lediglich im Urlaub mal auf einem Pferd gesessen.

Erst mit 26 habe ich im Sommer 2006 wieder nach Reitunterricht gesucht und bin durch Zufall in einer privaten Reitschule gelandet, in der ich bei meiner zweiten Reitstunde einen Warmblut-Wallach, einen Schimmel, namens Sandro zugeteilt bekommen habe. Und von dem Moment an war es um mich geschehen. Ich wusste: Das ist mein Pferd!

Meine Vorliebe für ihn stieß auf Unverständnis, weil er faul war, und ich erinnere mich noch genau, wie jemand zu mir sagte: “Der wird nie etwas für seinen Reiter tun.“

Über den regelmäßigen Unterricht wurde er meine Reitbeteiligung und letztendlich am 1. Februar 2009 mein erstes eigenes Pferd.

Da ich mittlerweile aus beruflichen Gründen in Ulm lebte und Sandro noch im Allgäu stand führten wir eine „Wochenend-Beziehung“, was für uns beide sehr schwer war. Zum 1. November 2009 ist er zu mir gezogen und seither sehen wir uns täglich.

Zum akademischen Reiten bin ich nicht direkt gekommen. In Sandros neuem Stall kommt Ulli regelmäßig zum Unterricht machen und ich fand die Übungen, die ich gesehen habe, eher befremdlich. Warum reiten die nur Schritt oder machen so komische Handarbeit?

Aus meinem Schulunterricht kannte ich nur Schenkelweichen (was Sandro eher widerwillig tat) und mit den Begriffen Schulterherein, Kruppeherein oder Renvers konnte ich gar nichts anfangen.

Als Sandro sich Mitte 2010 von seinem ersten heftigen Reheschub erholt hatte, wurde ich neugierig und habe bei Ulli mit Handarbeit angefangen. Mir ging es darum mein 19 jähriges Pferd zu gymnastizieren. Regelmäßig konnte ich leider nicht mitmachen, da der Kurs unter der Woche, wenn ich arbeite, stattfindet.

Geritten bin ich ihn noch traditionell englisch, aber das am Zügel ziehen und gegen ihn kämpfen, weil er im Trab nicht am Zügel gehen wollte, war mir zu anstrengend. Warum sollte ich gegen mein Pferd kämpfen, wenn ich die Zeit mit ihm eigentlich doch so genieße?

Und auch sonst gerieten wir öfter aneinander: er bockte oder stieg im Gelände, reagierte auf meine eigene Unsicherheit mit Schreckhaftigkeit und Panik, ich riss am Zügel oder schrie ihn an.

Nicole, Schülerin von Ulli und Vorbild für mich, erteilte mir Streitverbot. Ich sollte nur noch im Schritt reiten und ruhig mit ihm umgehen. Traben und galoppieren durfte er nur noch frei.

Sandro stellte sich als gelehriger Schüler heraus, Kruppeherein und Schulterherein waren für ihn nicht fremd und er machte fleißig mit. Mein Ehrgeiz war geweckt und ich begann mich mehr mit dem Thema „Akademischen Reiten“ zu beschäftigen. Zwar war ich im April 2010 schon bei einer Theorieeinheit bei Bent Branderup, aber wirklich etwas anfangen konnte ich nicht damit.

Mittlerweile habe ich sein Buch durchgelesen und bin absolut überzeugt, dass es das ist, wie ich reiten möchte, als Einheit mit meinem Pferd.

Wir haben jetzt begonnen, die Übungen vom Boden auf den Sattel zu übertragen. Sandro überrascht mich immer wieder, weil er willig mitmacht und wenn ich die richtigen Hilfen gebe, die Übungen ausführt. Manches Mal kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen, denn während ich noch dabei bin, meine Hände und Füße zu sortieren, hat er die Traversale schon längst auf dem Hufschlag beendet.

Ich bin gespannt, was wir noch alles erreichen werden und freue mich, dass wir mit Ulli eine Möglichkeit gefunden habe, dass wir regelmäßig von ihr Unterricht bekommen.

Ellen im Januar 2011