fühlen ● verstehen

Julia mit Korollar

Meine ersten Reitstunden hatte ich mit 12 Jahren, zunächst im Reitverein, dann mit verschiedenen Reitbeteiligungen. Der Unterricht war so, wie man es eben aus den Reitvereinen kennt: gegenhalten, rantreiben, leichterwerden... und das funktionierte eigentlich auch bei allen Pferden, bis ich Korollar bekam.

Korollar habe ich bekommen, als ich 19 und er erst 2,5 Jahre alt war. Er war schon angeritten, und leider habe ich ihn auf Anraten der „Experten“ über den Sommer nicht noch einmal auf eine Koppel gestellt, wie ich es eigentlich vorhatte.

Die ersten eineinhalb Jahre ging trotzdem alles gut. Er hat toll mitgemacht, war immer willig und ganz leicht in der Hand. Auch auf Turnieren waren wir ein paar Mal, und alles lief eigentlich wunderbar.

Dann ging innerhalb von ein paar Monaten gar nichts mehr: er ließ sich nicht mehr durchstellen, wurde immer steifer, konnte kaum noch galoppieren, verwarf sich ständig...

Der Tierarzt fand nichts, und auch Zahnärzte, Akkupunkteure und Osteopathen fanden keinen wirklichen Grund für sein Verhalten und brachten keine Besserung. Letztendlich habe ich mich leider entschieden, ihn in Beritt zu geben. Dadurch wurde jedoch alles nur noch schlimmer: zeitweise begann er zu steigen, sobald man die Zügel nur eine Handbreit nachfasste.

Obwohl ihn alle als Reitpferd aufgegeben hatten, wollte ich das nicht akzeptieren und brachte ihn nach Bremen zu Horst Becker. Dort wurde er mit viel Longenarbeit und zusätzlichen osteopatischen Behandlungen wieder lockerer und gewann auch wieder Vertrauen. Doch beim Reiten war nur wenig Verbesserung zu spüren.

Als er nach mehreren Monaten wieder bei mir war, fand ich eine Reitlehrerin, die zwar sehr viel Geduld mit uns hatte, uns aber leider auch nicht wirklich helfen konnte. Alle sagten - und das hatte ich ja auch jahrelang beigebracht bekommen - dass er zuerst durch's Genick gehen müsste. Und das tat er einfach nicht. Wir drehten Runde um Runde, er wurde immer fester, ich immer frustrierter und mir immer sicherer, dass das nicht der richtige Weg ist. Nur die Alternative fehlte.

Nachdem er zudem noch Arthrose bekommen hatte, habe ich aus der Boxenhaltung in einen Offenstall gewechselt. Dort haben wir uns arrangiert und sind viel ausgeritten. Auf dem Reitplatz war es aber nach wie vor schwierig, und nur auszureiten war mir auf Dauer zu wenig.

Dann hatte ich einen Reitlehrer, dem es zunächst einmal völlig egal war, wie mein „Esel“ seinen Kopf hielt, und ohne den ständigen Druck im Maul reagierte mein Pferd zum ersten Mal wieder auf leichte Hilfen.

Nachdem sich der Unterricht bei diesem Lehrer nicht mehr organisieren ließ, hatte ich das Glück, Ulli's Telefonnummer zu bekommen. Sie kommt jetzt seit einem halben Jahr regelmäßig zu uns und erst durch ihren Unterricht und ihre ruhige, vorsichtige Art hat Korollar angefangen wieder richtig mitzumachen. Er ist viel aufmerksamer und viel lockerer geworden und will es wieder richtig machen. Wir beide haben in den letzten Wochen mehr gelernt, als in den ganzen Jahren vorher.

Auch wenn es mit der dauerhaften Konzentration auf mich noch nicht immer klappt und ihm auch das „Loslassen“ immer noch schwer fällt, sind trotzdem jedes Mal kleine Fortschritte spürbar, die mir viel Freude machen und mich motivieren, Geduld zu haben und weiter zu machen.

Wenn ich daran denke, was ich meinem Pferd alles zugemutet habe, weil ich es nicht besser wusste, würde ich es so gern ungeschehen machen. Aber ohne mein vermeintlich unreitbares Problempferd hätte ich auch viele wichtige Erfahrungen nicht gemacht: meine Einstellung zum Reiten und zum Umgang mit den Pferden hätte sich nicht so grundlegend geändert und ich hätte nie gefühlt, wie leicht und harmonisch alles sein kann und wie wenig Krafteinsatz nötig ist.

Julia im Juni 2011